WERNER PRANGE
Ein Überflutungsplan in Dithmarschen aus dem II. Weltkrieg

1. Einführung

In Kriegen hat man möglichst die strategische und taktische Bedeutung des Geländes brücksichtigt, besonders das Relief und den geologischen Bau des Untergrunds1. Im Flachland spielten die Gewässer sowie schwer überwindbare Moore und Sümpfe eine große Rolle. Ferner konnte man dort örtlich auch Niederungen unter Wasser setzen, wie z.B. in den französisch-flandrischen Marschen1. Dort hatten belgische Truppen, die 1914 in große Bedrängnis geraten waren, die Schleuse zum Meer geöffnet. Dadurch wurden weite Gebiete überschwemmt und die überlegenen deutschen Truppen zum Rückzug gezwungen2. Im Zweiten Weltkrieg setzten deutsche Truppen in den Niederlanden am 17. April 1945 den Wieringermeer-Polder durch Sprengung des Deiches unter Wasser3.
Auch in Schleswig-Holstein wurden im Zweiten Weltkrieg Überflutungsmöglichkeiten geprüft; ein solcher Plan war aber nur für Dithmarschen weiter verfolgt worden, wie aus erhaltenen Unterlagen hervorgeht.

2. Frühere Überflutungsmaßnahmen in Dithmarschen

Wegen des geologischen Aufbaus von Dithmarschen mit weiten Marschen und Mooren4 sind dort schon wiederholt taktische Überflutungsmaßnahmen angewendet worden.
An den Grenzen von Dithmarschen gab es fast überall einen natürlichen Schutz durch unwegsame Gebiete: Im W die Nordsee und die Marsch mit vielen Kanälen und Gräben, im N und NO das Eidertal mit seinen randigen und sumpfigen Niederungen und Mooren, im SO die vermoorten Täler der Gieselau zur Eider und der Holstenau nach S sowie die weiten Moorgebiete am Kudensee und den Holstengraben bis an die Elbe (Abb. 1).Abb.1: Der geologische Aufbau und die Landschaften von Dithmarschen, Übersichtskarte. Klicken lädt große Darstellung (125 kB)
Der einzige natürliche Zugang nach Dithmarschen führte über den schmalen Altmoränenrücken westlich von Hademarschen. Dieses Einfallstor hatte schon 1319 und 1404 das Heer der holsteinischen Grafen bei seinen erfolglosen Eroberungszügen nach Dithmarschen genutzt. Ebenfalls drang im Jahre 1500 das Heer des dänischen Königs Johann und seines Bruders Herzog Friedrich mit der Schwarzen Garde auf diesem alten Verkehrsweg von Hademarschen her in das Land vor6. Das Heer wurde in die Marsch gelockt und bei Hemmingstedt geschlagen. Dabei wendeten die kräftemäßig unterlegen Dithmarscher ihre Taktik an, durch das Öffnen der Schleuse die Marsch zu überfluten. Die schwer zugängliche Lage Dithmarschens hat dazu beigetragen, daß der Bauernfreistaat seine Selbständigkeit dann noch bis 1559 bewahren konnte.
Im südlichen Dithmarschen waren hinter der alten Marsch im Schutz der Nehrungen, den sog. Donns, weite Randmoore entstanden. Sie erstrecken sich vom Geestrand vor Burg und Kuden beiderseits der Landesgrenze, dem Holsten-Graben, bis zum Blangenmoor nach S5. Dieses Hochmoor reichte direkt bis an die Elbe (Abb. 1, Nebenkarte). Von beiden Seiten schlossen Flügeldeiche, die sog. Moordeiche, an das Hochmoor an (Abb. 1, Hauptkarte (Übersichtskarte anklicken für große Darstellung)). Dieser breite Moorstreifen trennte die Dithmarscher alte Marsch von der Wilstermarsch. Folglich gab es dort kein Durchkommen. Man hätte zwar eine feste Verbindung zur Wilstermarsch schaffen können, wenn das vor dem Hochmoor an der Elbe aufgeschlickte Vorland eingedeicht worden wäre (Abb. 1, Hauptkarte). Aber aus Gründen der Bewahrung der Sicherheit Dithmarschens wurde das nicht getan, obwohl es dort bei dem moorigen Untergrund wiederholt zu Meereseinbrüchen gekommen war, die zu weiten Überschwemmungen im Hinterland geführt hatten.
Das Heer, das 1559 Dithmarschen unterwarf, hatte abermals den natürlichen Zugang von Hademarschen her genutzt, dieses Mal jedoch die Marsch gemieden und von Albersdorf aus die Geest erobert (Abb. 1). Erst nachher, als auch der Südteil des Landes wie vorher schon die Wilstermarsch königlichr Landesteil geworden war, entfiel die strategische Bedeutung des Blangenmoors an der Landesgrenze. So hat man 1573 die beiderseitigen Elbdeiche mit einem neuen Deich verbunden und damit den Altenkoog gewonnen. Die Moordeiche wurden nun zu Mitteldeichen, das Hochmoor war vor weiteren Abbrüchen und das Hinterland vor Wassereinbrüchen geschützt (Abb. 1, Hauptkarte; Übersichtskarte anklicken).
Als die Schweden 1644 nach Dithmarschen einzufallen drohten, mußten an diesem neuen Zugang von den Elbmarschen her Schanzen angelegt werden5. Zusätzlich half man sich auch jetzt wieder mit der Überflutung von Marschland: Der Donndeich wurde durchstochen und damit das Gebiet beiderseits des Hauptsielzugs zwischen dem Kirchenspiel Eddelak und dem Elbdeich östlich von Brunsbüttel mit Binnenwasser vom Kudensee her überschwemmt (Abb.1, Hauptkarte). Das ermöglichte jedenfalls dort kein Durchkommen der Feinde. Auch schon 1626 hatte man bei Brunsbüttel Deiche durchstochen, um den Vormarsch kaiserlicher Truppen nach Dithmarschen zu verhindern.
Im 17. Jahrhundert ging der 1573 vor dem Hochmoor eingedeichte Altenkoog infolge der Stromverlagerung der Elbe verloren, so daß das Blangenmoor wieder der Anbrandung des Elbwassers ausgesetzt war, konnte aber später wiedergewonnen werden7.
Ende des 19. Jahrhunderts wurde der Nord-Ostsee-Kanal durch die Niederungen an der Gieselau und Holstenau bis zur Elbe gebaut8. Er quert die Wasserscheide zwischen den beiden Auenbei Grünental und damit den alten Zugang nach Dithmarschen (Abb. 1). Nach Süden zu bis an die Elbe waren die einstigen großen Moore inzwischen weitgehend abgebaut bzw. kultiviert. Auch sind die mächtigen Torfschichten im Untergrund zunehmend gesackt, zumal sich die Entwässerung durch den Nord-Ostsee-Kanal und neue Entwässerungskanäle verbessert hatte.Folglich liegt die Landoberfläche beiderseits des Kanals heute weithin niedriger als sein Wasserspiegel und der der Burger Au. Deshalb mußten dort an den Ufern Deiche gebaut werden. Die Entwässerung der großflächig unter dem Meeresspiegel liegenden Wilstermarsch5 sowie der Burg-Kudensee-Niederung erfolgt durch Schöpf- und Pumpwerke in den Nord-Ostsee-Kanal bzw. in die Burger Au (Abb. 2).

3. Der Überflutungsplan in Dithmarschen aus dem Zweiten Weltkrieg

Diese Niederungen an der Südgrenze Dithmarschens erlangten im Zweiten Weltkrieg Bedeutung, als in Schleswig-Holstein Überlegungen angestellt wurden, ob man im Ernstfall tiefliegende Flächen unter Wasser setzen könne, um sie unpassierbar zu machen.
Diese und andere Pläne zur Verteidigung Schleswig-Holsteins verfolgte die britische Besatzungsmacht gleich nach dem Krieg weiter. Der Grund dafür war, daß sie wenige Kenntnisse über das Land hatte und sich militärgeographische Unterlagen verschaffen wollte, um es im Fall eines Konflikts mit den Russen besser verteidigen zu können. Deshalb wurde schon im Sommer 1945 eine "Geographical Researchstation" in Kiel gegründet9. Sie bestand aus deutschem Personal einer früheren Marinedienststelle, bekam Autos sowie eine Photo- und Reproduktionsabteilung. Direktor dieser "Geographischen Forschungsstelle" wurde Prof. Dr. Karl Gripp, ein vielseitiger Kenner der geologischen und landschaftlichen Verhältnisse ins Schleswig-Holstein. Nun konnte das Land für diesen Zweck bereist werden, so daß die verschiedenen Unterlagen zusammenkamen.
Im Rahmen dieser Vorhaben wurde auch die Frage möglicher Überflutungen von Niederungen wieder aufgegriffen. Dazu schaltete man die Dienststellen ein, die sich im Krieg mit diesem Vorhaben für das deutsche Militär hatten befassen müssen. Damals war schon herausgekommen, daß von den niedrigen Gebieten nur die Burg-Kudensee-Niederung für eine Überflutung zur Landesverteidiung geeignet sei. Das läßt sich zwei erhaltenen Briefen und einer Karte entnehmen10:
Das eine Schreiben vom 1.12.1945 stammt vom Wasserbauamt Heide, Wasserwirtschaftsamt, und ist an den Regierungspräsidenten in Schleswig gerichtet. Es betrifft Überflutungskarten und bezieht sich auf die Verfügung vom 24.11.1945. Das wird die Aufforderung gewesen sein, für die "Geographical Researchstation" der Besatzungsmacht zur Frage der Überflutungsmöglichkeiten und die schon im Krieg gewonnenen Ergebnisse Auskunft zu geben. Nach diesem Brief seien schon im Laufe des Krieges von Wehrmachtsdienststellen Überschwemmungspläne verlangt worden. Ein Bericht dazu sei am 6.2.1943, ein ergänzender am 31.10.1944 dorthin eingereicht worden. Wie in letzterem dargelegt war, sind die behandelten Überflutungsmöglichkeiten als ein zur Landesverteidigung nicht geeignetes Mittel angesehen worden. Deshalb wird zu diesem Schreiben von einer nochmaligen Einreichung der einschlägigen Unterlagen abgesehen.
Dann wird mitgeteilt, daß als einzige erfolgversprechende Überflutungsmaßnahme die im Bericht vom 10.1.1945 behandelte Überschwemmung der Burg-Kudensee-Niederung angesehen wurde. Hierzu seien dem Kommandanten im Abschnitt Brunsbüttel am 17.3.1945 entsprechende Vorschläge gemacht worden. Die Abschrift desselben nebst Abzeichnung des Überschwemmungsplanes sind diesem Bericht als Anlage beigefügt.
Dieses ebenfalls erhaltene Schreiben vom 17.3.1945 war an den Kommandanten im Abschnitt Brunsbüttel, Herrn Kap. zur See Heye adressiert; es betrifft die Versumpfung bzw. Überflutung der Kudensee-Niederung. Darin wird auf die bisherigen Besprechungen und ein Schreiben vom 3.3.1945 Bezug genommen. Demnach hatte man sich schon länger mit diesem Plan befaßt.
Abb. 2: Die Burg-Kudensee-Niederung. Umgezeichnete Überflutungskarte vom 17.3.1945 sowie die Schöpf- und Pumpwerke. Anklicken für vergrößerte Darstellung (26 kb)Die Karte zu diesem Schreiben zeigt den Umfang der im Ernstfall durch Einlaß von Kanalwasser zu überflutenden Flächen in der Burg-Kudensee-Niederung. Diese große Karte im Maßstab 1:10000 wird hier umgezeichnet verkleinert wiedergegeben (Abb. 2; auch hier ist die Karte anzuklicken für eine vergrößerte Darstellung).
Dazu wird ausgeführt: Die am tiefsten gelegenen Flächen zwischen Kaiser-Wilhelm-Kanal und Burger Au unter -2,0 m NN werden unter Benutzung der z.Z. stillgelegten Schleusen in etwa 1-2 Tagen überschwemmt werden können. Bis zur Höhenlinie -1,5 m NN würde das in etwa vier Tagen zu erreichen sein; dadurch ergäbe sich zwischen Burger Au und Kanal eine größere zusammenhängende Wasserfläche.
Eine Überschwemmung der gesamten Burg-Kudensee-Niederung, die erforderlich wäre, um bis zur Höhenlinie -0,5 m NN das nordöstlich der Straße durch Averlak gelegene Niederungsgebiet mit unter Wasser zu setzen (vgl. Abb. 1 und 2), würde mindestens drei Wochen erfordern. Dieser Überschwemmungszustand soll möglichst nicht hergestellt werden, könnte jedoch durch Aufgraben des Kanaldeiches wesentlich schneller herbeigeführt werden. Das kann auch durch feindliche Bombardierung der Kanaldeiche, besonders der Deichstrecke südöstlich des Kudensees, leicht hervorgerufen werden.
Weiter heißt es, daß die eingezeichneten Flächen nur ungefähre Begrenzungen der überschwemmten Flächen darstellen können11. Die Reihenfolge in der Entstehung von Wasserflächen in der Niederung hängt außerdem noch davon ab, wie groß die Öffnungen in dem südöstlichen Deich der Burger Au bemessen sind bzw. durch Aufgrabungen hergestellt werden, um das Einströmen der Burger Au in die Niederungsgebiete zu bewirken.
Sobald die Angelegenheit soweit geklärt ist, daß die Herrichtung der beiden Einlaßschleusen durch das Wasseramt durchgeführt werden kann, werden auch die Vorbereitungen zum Auslaufen des Wassers aus der Burger Au zu treffen sein. Es wird vorgeschlagen, dies an Ort und Stelle zu klären.
Durch den weiteren Verlauf des Krieges ist es zu diesen Überflutungen nicht mehr gekommen. Sie wären evtl. vorgenommen worden, wenn man den Plan einiger Militärs verwirklicht hätte, den Nord-Ostsee-Kanal noch als Verteidigungslinie zu nutzen. Dann wären bei einem Angriff von SO her zunächst Stör und Wilster Au zu überwinden gewesen, dahinter die sehr nasse und moorige, überwiegend unter dem Meeresspiegel liegende Wilstermarsch5, 12, dann der Kanal, unmittelbar dahinter die überflutete Burg-Kudensee-Niederung und weiter nordwestlich der steile Geesthang von Süderdithmarschen (Abb. 1 und 2). Aber wie in den Jahrhunderten zuvor hätte man diese schwer passierbaren Gebiete vermutlich wieder umgangen und das Altmoränengebiet und von dort aus das bewährte Einfallstor nach Dithmarschen bei Grünental genutzt. So blieb die Burg-Kudensee-Niederung vor der Dithmarscher Geest mit den dortigen Gebäuden vor Schäden bewahrt.

Anmerkungen

  1. MORDZIOL; C. (1938): Einführung in die Wehrgeologie. - Mathem.-Naturwiss.-Techn. Bücherei, Bd. 32, 102 S., 44 Abb., 15 Fotos, Frankfurt a. M. (O. Sahle). WASMUND, E. (1937): Wehrgeologie in ihrer Bedeutung für die Landesverteidigung. - 103 S., Berlin (Mittler u. Sohn)
  2. STEGEMANN, H. (1917): Geschichte des Krieges. - 2. Bd., 481 S., 4 farb. Kriegskarten, Stuttgart, Berlin (Deutsche Verlagsanstalt).
  3. Verein z. Förderung d. Hollandkunde im Ausland (1955): "Neues Land". Rings um den Yselsee. - 55 S., 50 Abb., Zaandam (C. Huig).
  4. Bundesamt f. Geowiss. u. Rohstoffe in Zusammenarb. mit d. Geol. Landesämtern d. Bundesrepublik Deutschland (1980): Geologische Übersichtskarte 1:200000, CC 2318 Neumünster. - Hannover.
  5. MÜLLER, F.; FISCHER, O. (1957): Das Wasserwesen an der Schleswig-Holsteinischen Nordseeküste, 3. Teil: Das Festland von O. Fischer, Bd. 6: Elbmarschen. - 332 S., 64 Abb., 5 Taf., Berlin (D. Reimer).
  6. LAMMERS, W. (1953): Die Schlacht bei Hemmingstedt. - Quellen und Forschungen zur Geschichte Schleswig-Holsteins, hrsg. v. d. Gesellsch. f. Schlesw.-Holst. Geschichte, Bd. 28, 232 S., 7 Abb., 12 Taf., Neumünster (Wachholtz).
  7. PRANGE, W. (1986): Die Bedeichungsgeschichte der Marschen in Schleswig-Holstein. - Probl. d. Küstenforschung im südl. Nordseegebiet 16: 1-53, 6 Abb., Hildesheim.
  8. PRANGE, W. (1995): Hundert Jahre geologische Untersuchen am Nord-Ostsee-Kanal. - Die Heimat 102: 2-11, 2 Abb., Husum.
  9. GRIPP, K. (1968): Geologie und Paläontologie. - In: Geschichte der Christian-Albrechts-Universität Kiel von 1665-1965, Bd. 6: Geschichte der Mathematik, der Naturwissenschaften und der Landwirtschaftswissenschaften: 187-200. Hrsg. von K. Jordan, Neumünster (Wachholtz). Mündliche Mitteilungen.
  10. Die Briefe und die Karte stammen von den Unterlagen, die Prof. Gripp von seiner Tätigkeit in der "Geographischen Forschungsstelle" dem Verf. übergab.
  11. Nach den wenigen Höhenangaben in der heutigen Topograph. Karte 1:25000, Nr. 2021 Burg i. Dithm., liegt die Landoberfläche offensichtlich nicht so tief wie nach der Karte 1:10000 von 1945.
  12. JANETZKO, P. (1976): Geologische Entwicklung, junges Rinnensystem und Inversionslandschaft in der Wilstermarsch (Schleswig-Holstein). - Meyniana 28: 33-43, 2 Abb., 2 Beil., Kiel.